Heute stellen viele Menschen an die Ehe riesige Ansprüche: Alles muss passen. Die Liebe soll filmreif sein, das gemeinsame Leben möglichst perfekt geplant, das Haus gebaut und der Lohnzettel am besten schon für eine große Familie reichen.
So ist aus dem gemeinsamen Anfang beinahe die Krönung eines fertigen Lebens geworden. Wie im Märchen: Hochzeit, Happy End – und dann sind alle Probleme gelöst.
Eigentlich ist das ziemlich unlogisch.
Denn mit der Ehe bekommt man einen Weggefährten. Warum sollte vorher schon alles alleine geschafft sein? Warum das Haus erst bauen, die Karriere festlegen und das ganze Leben absichern, bevor man gemeinsam losgeht?
Vieles wird zu zweit leichter. Ein Haus kann auch später entstehen. Berufliche Wege können sich verändern. Finanziell muss man nicht schon am Hochzeitstag alles erreicht haben.
Und auch die Liebe selbst ist nicht etwas, das vor der Ehe vollständig fertig sein muss.
Die Liebe lernt man auch in der Ehe.
„Wir schaffen das gemeinsam“
Wie schön ist es, wenn zwei junge Menschen sagen können:
Wir wissen noch nicht genau, wo wir leben werden. Wir wissen noch nicht, welche Berufe wir haben werden. Wir haben noch nicht viel Geld. Aber gemeinsam werden wir das schon schaffen.
Das ist keine Naivität. Es kann Ausdruck von Vertrauen sein.
Vertrauen in den anderen. Vertrauen in die eigene Fähigkeit, gemeinsam Lösungen zu finden. Und für Christen vor allem: Vertrauen darauf, dass Gott den gemeinsamen Weg begleitet.
Die Liebe beginnt nicht mit der Hochzeit
Ein Professor war für seine große Liebe zu seiner Frau bekannt. Auch nach zwanzig Jahren Ehe geschah es noch regelmäßig, dass er alles um sich herum vergaß, wenn sie sein Büro betrat.
Die Studenten wussten bald: Wenn seine Frau zur Tür hereinkam und sein Gesicht plötzlich strahlte, musste man den eigenen Satz nicht unbedingt zu Ende bringen.
Irgendwann wollten die romantischeren Studenten wissen:
„Wie war das eigentlich bei Ihrer Hochzeit?“
Seine Antwort überraschte:
„Bei unserer Hochzeit? Da haben wir uns noch gar nicht geliebt!“
Natürlich meinte er damit nicht, dass keine Zuneigung da gewesen wäre. Er meinte etwas viel Schöneres: Die große Liebe, die nach zwanzig Jahren sichtbar war, war bei der Hochzeit noch gar nicht in dieser Tiefe da. Sie war gewachsen.
Das ist vielleicht eine der schönsten Vorstellungen von Ehe überhaupt.
Echte Märchen hören nicht mit der Hochzeit auf. Sie beginnen dort erst.
Nicht auf das perfekte Leben warten
Natürlich sollte niemand aus Angst oder Unreife heiraten. Eine Ehe braucht einen guten Grund, gegenseitige Zuneigung, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Aber man muss nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten.
Das Leben wird niemals vollständig fertig sein. Es wird immer offene Fragen geben, Unsicherheiten, berufliche Veränderungen, finanzielle Herausforderungen und persönliche Baustellen.
Vielleicht ist das auch gar nicht der Sinn der Ehe.
Ehe bedeutet nicht: Zwei perfekte Menschen treffen sich und beginnen gemeinsam ein perfektes Leben.
Ehe bedeutet: Zwei unvollkommene Menschen entscheiden sich füreinander und wollen gemeinsam lernen, wachsen, tragen, verzeihen und lieben.
Und während sie das tun, können sie ganz nebenbei Weltmeister in Sachen Liebe werden.
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